Drei queere Bücher über Freundschaft, Loyalität und Verrat
Von einer Pariser Affäre in den 1950ern bis zu einem scharfsinnigen niederländischen Debüt — drei queere Bücher über unsere Verantwortung füreinander.
Was Menschen zusammenhält — und was sie auseinandertreibt
Diese Woche: drei queere Bücher über Freundschaft, Loyalität und Verrat. Sie spannen Jahrzehnte und Kontinente. Eines ist ein Klassiker aus Paris. Eines ist ein gefeierter amerikanischer Roman. Eines ist ein scharfsinniges niederländisches Debüt. Zusammen stellen sie dieselbe Frage: Was schulden wir uns gegenseitig? Was passiert, wenn wir scheitern?
Diese Bücher erscheinen nicht in unserer kürzlichen Übersicht zu Körpern, Begehren und Älterwerden. Sie gehen woanders hin — nach innen, zu anderen Menschen, zu den Kosten der Liebe.
Giovanni's Room — James Baldwin (1956, Dial Press)
David ist Amerikaner in Paris. Er verliebt sich in Giovanni, einen italienischen Barkeeper. Er hat auch eine Verlobte in Spanien. Baldwin veröffentlichte diesen Roman 1956. Das war radikal damals. Es trifft heute noch ins Mark.
Die Geschichte wird rückwärts erzählt. David blickt zurück, was geschah. Diese Struktur erzeugt langsame, schwere Beklemmung. Man weiß, etwas ging schief. Man liest, um zu erfahren, wie sehr David schuldig ist.
Was diesen Roman außergewöhnlich macht, ist Baldwins Prosa. Jeder Satz hat seinen Platz verdient. Er schreibt Scham und Begehren mit gleicher Präzision. Paris fühlt sich echt an — Cafés, billige Hotels, Einsamkeit als Fremder. Die Stadt ist aber auch ein Druckkessel. Man kann sich selbst nicht entgehen.
Dies ist kein bequemes Buch. Baldwin schont David nicht. Er schont auch den Leser nicht. Diese Ehrlichkeit macht es zeitlos.
Eine niederländische Übersetzung existiert: Giovanni's kamer, veröffentlicht von De Bezige Bij. In den meisten niederländischen Buchläden und online erhältlich.
Für wen: Leser, die literarische Fiktion mit Gewicht wollen. Alle, die Call Me by Your Name mochten, aber etwas Härteres suchen.
The Price of Salt — Patricia Highsmith (1952, Coward-McCann)
Therese arbeitet als junge Frau in einem New Yorker Kaufhaus. Sie trifft Carol, eine ältere Frau in Scheidung. Etwas entsteht zwischen ihnen. Carols Ehemann bemerkt das. Die Dinge werden gefährlich.
Highsmith veröffentlichte diesen Roman 1952 unter Pseudonym. Ihr Name erschien erst Jahrzehnte später. Der Grund ist klar: eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen mit hoffnungsvollem Ende. Das war damals fast ungehört.
Der Roman wurde 2015 als Film Carol mit Cate Blanchett und Rooney Mara adaptiert. Der Film ist schön. Aber das Buch tut etwas, das der Film nicht kann. Es lebt in Thereses Gedanken. Ihre Sehnsucht, ihre Unsicherheit, ihre Angst — alles in Highsmiths präziser Prosa.
Highsmith ist für Thriller bekannt. Dieses Buch hat Thriller-Spannung. Aber die Bedrohung ist kein Mörder. Die Bedrohung ist eine Gesellschaft, die etwas wegnehmen will. Das macht es heute noch dringend.
Niederländische Übersetzung: Het zout der aarde (verschiedene Ausgaben). Online und in großen Buchläden erhältlich.
Für wen: Leser, die Literatur aus der Mitte des 20. Jahrhunderts lieben. Filmfans, die das Buch noch nicht kennen. Alle, die sich für queere Literaturgeschichte interessieren.
De vriendschap — Maud Vanhauwaert (2022, Das Mag)
Zwei Frauen sind seit Jahren Freundinnen. Dann verschiebt sich etwas. Die belgische Dichterin Maud Vanhauwaert schrieb diesen Debütroman auf Niederländisch. Er wurde 2022 von Das Mag veröffentlicht und gut besprochen.
Vanhauwaert schreibt in kurzen, rhythmischen Abschnitten. Ihr Hintergrund als Dichterin ist auf jeder Seite hörbar. Die Sprache ist sparsam, aber geladen. Ein Absatz kann Jahre Geschichte enthalten.
Das Buch handelt von weiblicher Freundschaft und wie Liebe zwischen Frauen oft missinterpretiert wird. Vanhauwaert erklärt nicht. Sie zeigt. Der Leser beobachtet, wie zwei Menschen Nähe, Distanz und Momente verhandeln.
Dies ist ein ruhiger Roman. Nichts explodiert. Aber die Spannung wächst stetig. Am Ende werden die emotionalen Einsätze sehr hoch.
De vriendschap wurde noch nicht ins Englische übersetzt. Für niederländische und flämische Leser ist dies eines der stärkeren queeren Debüts der letzten Jahre.
Erhältlich im Webshop von Das Mag, bei Bol.com und in unabhängigen Buchläden in den Niederlanden und Belgien.
Für wen: Niederländischsprachige Leser, die literarische zeitgenössische Werke wollen. Leser, die Connie Palmen oder Annie Ernaux mochten.
Was diese drei Bücher verbindet
Baldwin, Highsmith, Vanhauwaert — verschiedene Epochen, verschiedene Länder, verschiedene Stile. Aber alle drei handeln vom gleichen Problem. Zwei Menschen kommen sich nah. Nähe schafft Erwartung. Erwartung schafft die Möglichkeit des Scheiterns. Und Scheitern kostet hier etwas Echtes.
Keines der drei Bücher bietet einfache Lösungen. Das ist kein Fehler. Das ist der Sinn. Beste queere Literatur fordert nicht um Mitgefühl. Sie fordert Aufmerksamkeit. Diese drei Bücher lohnen sich.
Für mehr über queere Geschichten in anderen Medien lesen Sie unseren Artikel zu drei queeren Filmen über Körper, Sport und Begehren.
