Die Gruppenchat meiner Freunde ist ein Desaster
In unserer Schwulenfreunde-Gruppe passiert alles. Nur eben keine Verabredungen. Eine Hymne auf 247 ungelesene Nachrichten und ewiges Chaos.
Mein Handy vibriert. Schon wieder.
Es ist die Gruppenchat meiner Freunde. Sechs Schwule, ein Chat, null Struktur.
247 ungelesene Nachrichten
Ich öffne die App mit einem tiefen Seufzer. Was erwartet mich?
Mark hat um 7:43 ein Foto seines Frühstücks geschickt. Avocado, versteht sich. Danach eine Umfrage: Brunch Samstag?
Tom antwortet mit drei Fragezeichen. Dennis schickt ein GIF einer tanzenden Katze. Sander schreibt: Kann nicht, lange Geschichte folgt.
Die lange Geschichte kommt nie.
Robin fragt, ob jemandem sein neuer Pullover gefällt. Zwölf Fotos folgen. Aus jedem Winkel.
Der Brunch, der nie kommt
Wir versuchen seit drei Wochen, einen Brunch zu planen. Drei Wochen.
Erst passte Samstag. Dann nicht mehr. Dann Sonntag. Dann hatte jemand ein Date.
Mark schlägt einen neuen Termin vor. Tom hat dann Yoga. Dennis ist bei seiner Mutter. Sander sagt wieder: Lange Geschichte folgt.
Ich schlage vor, einfach ein Datum festzulegen. Alle reagieren mit Daumen hoch.
Niemand erscheint.
Die stillen Mitglieder
Jede Gruppenchat hat sie. Die stillen Mitglieder.
Bei uns ist das Pieter. Er hat seit März nichts gesagt. Wir wissen nicht, ob er noch lebt.
Manchmal schickt er ein Herz unter eine Nachricht von vor zwei Wochen. Dann wissen wir: er liest mit. Er urteilt. Aber er macht nicht mit.
Pieter ist die mysteriöse Katze der Freundesgruppe. Kommt vorbei, wenn es ihm passt. Verschwindet ohne Erklärung.
Der Drama-Peak
Gegen elf Uhr nachts passiert es immer.
Jemand hat etwas erlebt. Ein Date, das ghostete. Ein Kollege, der Dummes sagte. Ein Friseur, der zu viel abschnitt.
Die App explodiert. Solidarität. Wütende Emojis. Was für ein Arsch! Und: Du verdienst es besser, Schatz.
Am nächsten Morgen ist alles vergessen. Wir reden über Brunch. Der nie kommt.
Die Sprachnachrichten
Und dann sind da noch Dennischs Sprachnachrichten.
Vier Minuten lang. Über nichts. Er fängt mit okay, also hör zu an und endet mit aber naja, das war es eigentlich auch schon.
Niemand hört sie. Wir schicken alle ein Herz und hoffen, dass es stimmt.
Manchmal stellt sich heraus, dass es wichtig war. Dann sagt Dennis: Hast du meine Sprachnachricht nicht gehört? Und wir lügen alle, dass wir sie gehört haben.
Ich liebe sie trotzdem
Ich beschwere mich. Viel. Aber dieses Chaos ist mein Chaos.
Sechs Männer, die immer zu spät kommen. Die nie einen Brunch organisieren. Die immer zu viel über nichts reden.
Trotzdem weiß ich: Wenn mir morgen etwas Schlimmes passiert, explodiert diese App. Mit Liebe, GIFs und vier Minuten langen Sprachnachrichten.
Und dann denke ich: Vergesst den Brunch. Ich habe sie schon.
Auch Pieter. Wer auch immer das ist.