Zondag 3 mei 2026 — Editie #3

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Verhalen

Die Marmorader

In einer Florentiner Werkstatt begegnet ein junger Bildhauer seinem Modell. Zwischen Staub, Licht und Geheimnissen wächst etwas, das niemand sehen darf.

RainbowNews Redactie23. April 2026 — Niederlande3 Min. Lesezeit
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Die Werkstatt an der Via dei Servi

Der Morgen begann mit Staub. Staub im Licht, Staub auf dem Boden, Staub in seinen Lungen. Tommaso di Lorenzo wischte seine Hände an der Schürze ab. Er war sechsundzwanzig und seit drei Jahren Lehrling bei Meister Benvenuto.

Es war der Frühling des Jahres 1492. Florenz roch nach Regen und nassem Stein. Draußen riefen die Wasserträger. Drinnen sang nur der Meißel.

Tommaso klopfte sanft gegen den Marmor. Er lauschte. Jeder Stein hatte seine eigene Stimme. Dieser Block sang tief, voll, beinahe traurig. Vollkommen für eine Jünglingsfigur mit geneigtem Haupt.

Der Meister wollte einen Narziss. Ein Auftrag eines Medici-Neffen. Bezahlt in goldenen Florins. Aber zunächst brauchte Tommaso ein Modell.

Die Ankunft des Iacopo

Die Tür knarrte auf. Licht fiel herein, und mit dem Licht ein Mann.

Er war groß, hager, mit breiten Schultern. Schwarzes Haar bis auf den Kragen. Ein mehrtägiger Bart. Sein Wams war abgetragen, doch sauber.

“Ich suche Meister Benvenuto,” sagte er. Seine Stimme war rau, südlich gefärbt.

“Der Meister ist in Fiesole,” sagte Tommaso. “Bis Freitag.”

Der Mann blieb stehen. Er sah sich um. Die unfertigen Figuren, das Werkzeug, die Skizzen an der Wand. Seine Augen waren dunkel, fast schwarz.

“Mein Name ist Iacopo Serra. Aus Neapel. Man sagte mir, er suche ein Modell.”

Tommaso schluckte. “Das stimmt. Für einen Narziss.”

“Und du?”

“Ich bin sein Lehrling. Tommaso.”

Iacopo nickte langsam. “Soll ich wiederkommen?”

Tommaso zögerte. Er hatte keine Vollmacht, jemanden anzustellen. Aber er brauchte Zeichnungen. Vorstudien. Das war erlaubt.

“Bleib,” sagte er. “Ich mache Skizzen. Der Meister entscheidet später.”

Licht auf Haut

Iacopo zog sich hinter dem Wandschirm aus. Tommaso breitete ein sauberes Laken über das Podium. Seine Hände zitterten leicht. Er wusste nicht, warum.

Er hatte Dutzende von Modellen gezeichnet. Bauern, Soldaten, Jungen vom Markt. Das war Arbeit. Nichts weiter.

Als Iacopo hervortrat, vergaß Tommaso zu atmen.

Der Mann bewegte sich wie jemand, der seinen Körper kannte. Keine Scham, keine Pose. Er hatte eine Narbe an der Hüfte. Eine weitere unter den Rippen. Seine Haut war olivfarben, warm im gelben Licht.

“Wie willst du mich?” fragte Iacopo.

Tommaso errötete. “Sitzend. Den Kopf gesenkt. Wie jemand, der ins Wasser schaut.”

Iacopo setzte sich. Er neigte den Kopf. Sein schwarzes Haar fiel nach vorn. Eine Hand ruhte auf seinem Knie, die andere hing locker an seiner Seite.

Es war vollkommen. Zu vollkommen. Als hätte er das schon einmal getan.

Tommaso griff nach seiner Kreide. Die ersten Linien waren zögerlich. Dann wurde er ruhiger. Der Stift folgte der Schulter, dem Rücken, dem Bogen des Nackens. Er zeichnete stundenlang. Er vergaß die Glocken.

Die Narbe

Nach der dritten Sitzung fragte Tommaso.

“Die Narbe unter deinen Rippen. Ein Messer?”

Iacopo stand beim Wasserbecken. Er zog sein Hemd an. “Ein Messer, ja.”

“In Neapel?”

“An Bord einer Galeere. Zwischen Sizilien und Genua.”

Tommaso runzelte die Stirn. “Du warst Seemann?”

“Unter anderem.” Iacopo lächelte, kurz und schief. “Ich war vieles.”

Er schwieg lange. Dann sagte er leiser: “Ich suche Arbeit, wo niemand Fragen stellt. Die Werkstatt schien mir gut.”

Tommaso legte seine Kreide hin. “Warum bist du wirklich hier?”

Iacopo sah ihn an. Zum ersten Mal ohne Maske.

“Weil ich in Neapel nicht mehr willkommen bin. Und weil Florenz groß ist. Groß genug, um zu verschwinden.”

Tommaso nickte. Er fragte nicht weiter. Manche Geschichten verlangten Geduld.

Abende nach der Arbeit

Der Meister blieb länger in Fiesole als erwartet. Eine Woche wurde zwei. Tommaso hielt die Werkstatt am Laufen. Iacopo kam jeden Morgen. Er stand Modell, fegte den Boden, schliff Meißel.

Abends aßen sie Brot und Oliven an der Werkbank. Iacopo erzählte vom Meer. Von Stürmen bei Kreta. Von einem Kaufmann in Ragusa, der die Sterne lesen konnte.

Tommaso hörte zu. Er spürte, wie sich etwas in seiner Brust entfaltete. Etwas Warmes und Gefährliches.

An einem Abend regnete es heftig. Die Straßen wurden zu Strömen. Iacopo konnte nicht in seine Herberge zurück.

“Bleib hier,” sagte Tommaso. “Hinten ist ein Strohsack.”

Iacopo sah ihn an. Lang. “Bist du sicher?”

“Ja.”

Sie löschten die Lampen, bis auf eine. Das Licht zog Schatten über die Wände. Der Regen trommelte gegen die Läden. Der Marmor stand in der Mitte, halb geformt, ein Junge, der aus dem Stein wollte.

Die Nacht

Tommaso lag wach. Er hörte Iacopo atmen, zwei Meter entfernt. Tief, ruhig, nicht schlafend.

“Bist du wach?” flüsterte er.

“Ja.”

“Woran denkst du?”

Stille. Dann: “Daran, wie du mich zeichnest.”

Tommasos Herz schlug schneller. “Was meinst du?”

“Anders als andere Künstler. Sanfter. Als ob du etwas siehst, das ich selbst nicht kenne.”

Tommaso richtete sich auf. Das Stroh raschelte. Er wusste nicht, was er sagen sollte.

Dann hörte er Iacopo aufstehen. Nackte Füße auf dem Boden. Der Mann kam näher. Er kniete neben Tommasos Lager.

“Sag mir, dass ich gehen soll,” flüsterte Iacopo. “Und ich gehe.”

Tommaso sagte nichts. Er legte seine Hand an Iacopos Wange. Der Bart war rau, die Haut darunter warm. Er spürte den Kiefer, die Schläfe, den Puls, der pochte.

Iacopo lehnte sich in seine Hand. Er schloss die Augen.

“Das ist gefährlich,” sagte er.

“Ich weiß.”

Sie küssten sich. Erst sanft, tastend. Dann fester. Tommaso schmeckte Oliven und Wein und etwas Salziges, wie das Meer.

Er zog Iacopo zu sich. Der Strohsack knirschte. Der Regen fiel stärker. Iacopos Hände waren rau von Tau und Meißel, aber behutsam. Sie folgten den Rippen, der Schulter, dem Ort, wo das Herz schlug.

Tommaso schloss die Augen. Er spürte Atem an seinem Hals. Einen Mund an seinem Schlüsselbein. Wärme, wo keine Wärme gewesen war.

Er dachte: Das ist es, was ich all diese Wochen gezeichnet habe. Nicht einen Körper. Eine Gegenwart. Jemanden, der neben mir existierte.

Später, als der Regen leiser wurde, lagen sie still. Iacopos Kopf auf seiner Brust. Tommasos Hand in seinem Haar.

“Morgen,” sagte Iacopo, “tun wir so, als wäre das nicht geschehen.”

“Nein,” sagte Tommaso. “Morgen tun wir so, als dürfte es niemand wissen. Das ist etwas anderes.”

Iacopo lachte leise, gegen seine Haut.

Die Rückkehr des Meisters

Am Freitag kam Meister Benvenuto nach Hause. Er war nass und schlecht gelaunt. Er betrachtete die Skizzen des Narziss.

Er schwieg lange. Dann schlug er Tommaso auf die Schulter.

“Das ist deine beste Arbeit, Junge. Wer ist das Modell?”

“Ein Neapolitaner. Iacopo Serra.”

“Stell ihn an. Solange das Werk dauert.”

Tommaso senkte den Kopf, um sein Lächeln zu verbergen.

Ein Schatten auf der Brücke

Zwei Wochen später schickte der Meister Tommaso zum Ponte Vecchio. Ein Goldschmied lieferte Blattgold für eine andere Arbeit.

Auf der Brücke war es voll. Fischer, Händler, Frauen mit Körben. Tommaso drängte sich zwischen den Ständen hindurch.

Dann sah er Iacopo stehen. Aber Iacopo sah ihn nicht.

Iacopo sprach mit einem Mann in einem dunklen Umhang. Der Mann hatte ein schmales Gesicht und einen Ring mit einem roten Stein. Sie sprachen kurz, angespannt. Iacopo schüttelte den Kopf. Der Mann gab ihm einen Beutel.

Tommaso drehte sich um, bevor er gesehen werden konnte. Seine Brust schmerzte.

An jenem Abend fragte er nichts. Er beobachtete nur.

Iacopo spürte es. “Was ist?”

“Ich sah dich auf der Brücke.”

Iacopo verstummte. Er setzte sich auf die Werkbank. Er sah auf seine Hände.

“Ich musste etwas regeln. Eine alte Schuld.”

“Wer war dieser Mann?”

“Jemand aus Neapel. Er wollte, dass ich zurückkomme. Ich sagte nein.”

“Und der Beutel?”

Iacopo sah auf. “Um hier zu bleiben. Um dich nicht in Gefahr zu bringen.”

Tommaso trat auf ihn zu. Er stellte sich zwischen seine Knie. Er legte seine Hände auf seine Schultern.

“Bringst du mich in Gefahr?”

“Ich hoffe nicht,” sagte Iacopo. “Aber ich kann es nicht versprechen.”

Das Bild befreit sich

Die Monate vergingen. Der Narziss trat aus dem Stein hervor. Erst eine Schulter, dann ein Rücken, dann ein geneigter Kopf. Tommaso arbeitete jeden Tag. Iacopo stand, bewegte sich, ruhte.

Der Meister nickte zufrieden. Der Medici-Neffe zahlte im Voraus.

Nachts schliefen sie manchmal zusammen, manchmal getrennt. Sie waren vorsichtig. Sie lachten selten laut. Sie wussten, dass die Welt klein war und die Wände dünn.

An einem Morgen im September kam Iacopo nicht.

Tommaso wartete. Eine Stunde. Zwei Stunden. Dann ging er zur Herberge.

Der Wirt zuckte die Schultern. “Abgereist. Gestern Nacht. Zu Pferd.”

“Hat er etwas hinterlassen?”

Der Wirt gab ihm ein kleines Päckchen. Darin lag ein Stück Papier. Drei Wörter, in unbeholfenen Buchstaben.

Sie haben mich gefunden.

Und eine zweite Zeile, sanfter geschrieben: Bewahre den Jungen im Stein.

Was bleibt

Der Narziss wurde im Palazzo abgeliefert. Der Medici-Neffe zahlte den Rest. Der Meister lobte seinen Lehrling.

Tommaso arbeitete weiter. Andere Aufträge, andere Modelle. Jahre vergingen.

Manchmal, auf Märkten oder in Häfen, glaubte er ein Gesicht zu erkennen. Eine breitere Schulter, einen schwarzen Bart. Er schaute immer hin. Es war nie er.

Aber im Palazzo, in einem kühlen Saal mit hohen Fenstern, stand ein Jüngling aus Marmor. Den Kopf gesenkt. Die Hand auf dem Knie. Eine Narbe, kaum sichtbar, unter den Rippen.

Wer genau hinsah, erkannte, dass das Bild nicht ins Wasser schaute. Es lauschte. Es wartete.

Und irgendwo, dachte Tommaso, hoffte es noch immer auf Schritte.

RR

RainbowNews Redactie

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