Der Freund, der immer zu spät kommt (und seine Ausreden)
Jede schwule Freundesgruppe hat einen: denjenigen, der nie pünktlich ist. Und seine Ausreden werden immer kreativer.
Jede Freundesgruppe hat einen. Diesen einen Freund, der immer zu spät kommt. Bei uns heißt er Marco.
Wir verabreden uns um acht Uhr. Marco kommt um neun Uhr. Mit einer Geschichte.
Das Ausrede-Universum
Marcos Ausreden sind eine Kunstform. Sie sind nie langweilig. Sie sind nie kurz.
Letzte Woche war es der Hund der Nachbarin. Der saß fest in einem Fallrohr. Marco musste helfen.
Davor war es ein Paketzusteller. Der klingelte an der falschen Adresse. Marco hat ihm Kaffee gegeben.
Und die Woche davor? Eine alte Dame im Supermarkt. Sie kam nicht ans Toilettenpapier.
Marco ist also eigentlich ein Heiliger. Das erzählt er uns selbst auch sehr gerne.
Das Gruppen-Chat-Drama
Um Viertel vor acht fängt es an. Erst die drei Punkte. Dann Stille. Dann wieder die Punkte.
Zehn Minuten später kommt die Nachricht. Bin unterwegs! Mit Ausrufezeichen.
Wir wissen, was das bedeutet. Marco steht noch unter der Dusche. Oder er sucht sich ein Hemd.
Thomas fängt immer an zu tippen. Welches Hemd heute, Marco? Marco antwortet nicht. Er steht vor dem Spiegel.
Denn ein Hemd auszusuchen ist keine schnelle Entscheidung. Besonders nicht für Marco.
Der große Auftritt
Wenn Marco endlich ankommt, ist es Theater. Arme ausgebreitet. Großes Grinsen.
Schätzchen, tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid! Als würde er einen Oscar gewinnen. Als würden wir klatschen.
Er küsst alle drei Mal. Er bestellt sofort einen Wein. Und dann fängt die Geschichte an.
Immer mit: Du wirst es nicht glauben. Nun ja, Marco, wir glauben es wirklich nicht.
Aber wir hören trotzdem zu. Denn es ist gut erzählt. Marco sollte Schriftsteller werden.
Die Lösung, die nicht funktioniert
Wir haben alles Mögliche probiert. Wir sagten ihm einmal: Marco, wir essen um sieben Uhr.
Wir dachten, wir wären clever. Dann kommt er um acht Uhr. Genau pünktlich.
Marco kam um neun Uhr. Denn er hatte durchschaut, dass wir gelogen hatten. Er war beleidigt.
Seitdem sagen wir einfach die echte Zeit. Und trinken gemütlich ein Glas. Ohne ihn.
Diese erste Stunde ohne Marco ist eigentlich ganz angenehm. Ruhig. Gemütlich. Die Häppchen bleiben warm.
Die Wahrheit
Letzte Woche fragte Thomas es ehrlich. Marco, warum bist du immer zu spät?
Marco überlegte kurz. Er nahm einen Schluck Wein. Er sah sehr ernst.
Dann sagte er: Schätzchen, einen Auftritt macht man nicht um acht Uhr.
Wir mussten lachen. Denn er hatte recht. Marco ist kein Gast. Marco ist ein Event.
Und ein Event beginnt, wenn das Event beginnt. Nicht, wenn die Einladung das sagt.
Also laden wir ihn jetzt um sechs Uhr ein. Für ein Essen um acht Uhr. Alle glücklich.
Außer Marco. Der findet sechs Uhr wirklich sehr früh.