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Verhalen

Der Darkroom schließt, das Fitnessstudio ist voll

Die schwule Szene verändert sich. Was verschwindet mit den alten Bars, und was kommt dafür zurück? Ein Spaziergang durch die Amsterdamer Reguliersdwarsstraat.

RainbowNews Redactie26. April 2026 — Niederlande3 Min. Lesezeit
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Ein Dienstagabend in der Reguliersdwarsstraat

Ein Mann Anfang fünfzig spaziert an einem Dienstagabend durch die Reguliersdwarsstraat. Er kommt hier schon seit 1992 her. Früher stand er hier für die April Schlange. Jetzt steht dort ein Café, in dem man Matcha Latte bestellt. Die Fassade ist weiß. Die Musik drinnen ist leise.

Er erzählt es ohne viel Emotion. Bars schließen. Darkrooms verschwinden. Was dafür zurückkommt, ist schöner, sauberer, oft auch teurer. Und oft nicht mehr nur für uns.

Eine Szene in Bewegung

Die Zahlen lügen nicht. In Amsterdam haben sich in den letzten fünfzehn Jahren Dutzende Schwulenbars geschlossen. In London verschwanden laut Forschung des University College London zwischen 2006 und 2017 fast sechzig Prozent der queeren Räume. New York, Berlin, Paris: überall die gleiche Geschichte.

Die Gründe sind bekannt. Höhere Mieten. Apps wie Grindr machen physische Treffpunkte weniger notwendig. Jüngere Generationen trinken weniger. Und Schwule müssen sich nicht mehr in einer Seitenstraße verstecken. Sie gehen einfach in die Kneipe um die Ecke.

Das klingt nach Fortschritt. Und das ist es auch. Aber etwas geht verloren. Etwas, das schwer zu benennen ist.

Der Wert eines eigenen Ortes

Eine Schwulenbar war nicht nur eine Bar. Sie war ein Ort, an dem man sich ohne ein Wort erkannte. Wo ein neunzehnjähriger Junge neben einem sechzigjährigen Mann stehen konnte. Wo Lehrer, Bauarbeiter und Anwälte die gleiche Musik hörten. Generationen vermischten sich, Klassen vermengten sich.

Diese Funktion ist jetzt verteilt. Ein Teil sitzt auf Apps. Ein Teil sitzt im Fitnessstudio. Ein Teil sitzt im Urlaub auf Mykonos oder Sitges. Die Gemeinschaft ist nicht weg. Sie ist nur zersplittert.

Frag einen Zwanzigjährigen, ob ihm das fehlt, und du bekommst oft nur ein Schulterzuckend. Er hat genug Freunde. Er hat Instagram. Er hat einen Partner über Hinge gefunden, nicht auf der Tanzfläche. Die alte Szene ist für ihn Folklore. Etwas aus Pedro-Almodóvar-Filmen.

Die andere Seite

Und doch gibt es auch andere Stimmen. Nicht nur von älteren Schwulen mit Heimweh. Auch von Jüngeren selbst.

Forschungen des SCP zeigen, dass Einsamkeit unter LHBT-Jugendlichen sogar höher liegt als unter Gleichaltrigen. Eine App auf dem Handy ersetzt keine Kneipe, wo man drei Stunden rumhängen kann. Eine DM ist kein Gespräch an der Bar.

Außerdem: Nicht jeder Schwule wohnt in Amsterdam oder Utrecht. In Emmen, Sittard oder Goes gibt es oft nichts. Keine Bar, kein Café, keinen Treffpunkt. Wer dort aufwächst, lernt sich selbst hauptsächlich über einen Bildschirm kennen. Das ist eine armseelige Einführung in das eigene Leben.

Fitnessstudio und nüchtern

Was dafür an die Stelle tritt, ist interessant. Der moderne Schwule geht weniger in die Bar und mehr ins Fitnessstudio. Personal Trainer in Amsterdam berichten, dass ein großer Teil ihrer Kunden aus schwulen Männern besteht. Eiweiß statt Bier. Crossfit statt Cruisen.

Dazu kommen nüchterne Events, queer book clubs, Laufgruppen, Kochclubs. Alle alkoholfrei, alle ernsthaft gemeint. Ein vierzigjähriger Freund sagte neulich: "Ich kenne jetzt mehr Schwule über mein Yogastudio als durchs Ausgehen."

Das ist gesünder. Buchstäblich. Aber es ist auch braver. Die rauen Kanten der alten Szene, der Sex, der Alkohol, das Chaos, hatten auch ihre Funktion. Sie waren eine Flucht aus einer Welt, die man nicht wollte. Jetzt braucht man nicht mehr zu fliehen. Das Leben selbst ist akzeptabel geworden.

Was wir dafür zurückbekommen

Der Gewinn ist enorm. Ein schwules Paar kann in praktisch jeder niederländischen Stadt Hand in Hand spazieren, ohne Probleme. Heiraten ist erlaubt. Kinder bekommen ist erlaubt. Hypotheken bekommen funktioniert. Sich auf der Arbeit outen ist in den meisten Branchen kein Drama mehr.

Das ist genau das, wofür die Generation vor uns gekämpft hat. Es ist bizarr, sich darüber zu beschweren.

Trotzdem hört man in Gesprächen oft einen Unterton von Trauer. Nicht über die Vergangenheit selbst. Sondern über die Intensität. Als etwas verboten war, fühlte es sich auch dringend an. Ein Kuss in einer Seitenbar war ein Akt des Widerstands. Ein Kuss auf einer Terrasse an der Amstel fühlt sich an wie Kaffeebestellen.

Eine Gemeinschaft ohne Feind

Vielleicht ist das das eigentliche Problem. Eine Gemeinschaft, die sich um gemeinsame Ausgrenzung bildet, weiß nicht so recht, was sie tun soll, wenn diese Ausgrenzung wegfällt. Der Feind verschwindet, und dann stellt sich heraus, dass die Gemeinschaft zum Teil aus dem Feind bestand.

Das ist ein unbequemer Gedanke. Aber man sieht ihn überall. In den endlosen internen Streitigkeiten über Pride. Darüber, wer dazugehört und wer nicht. Ob der Regenbogen inklusiv genug ist. Eine Gruppe, die keinen externen Kampf mehr führt, findet einen internen.

Außerhalb der Niederlande ist das anders. In Ungarn, Russland, Uganda ist der Kampf noch sehr konkret. Ein ungarischer Freund sagte letztes Jahr: "Ihr streitet über Flaggen. Wir kämpfen ums Überleben." Das setzt die Dinge in Perspektive.

Was bleibt

Der fünfzigjährige Mann in der Reguliersdwarsstraat beschwert sich nicht wirklich. Er stellt fest. Die Welt verändert sich. Orte verschwinden. Andere kommen dafür zurück.

Vielleicht ist das auch die ehrliche Antwort. Eine Gemeinschaft, die so lange am Rand lebte, bekommt jetzt den Luxus, einfach normal zu sein. Einfach ins Fitnessstudio gehen. Einfach zur Yogastunde. Einfach zu Hause auf dem Sofa, mit einem Partner und einer Katze.

Was wir dafür aufgeben, ist die Magie des Außenseiters. Das ist ein Preis. Aber es ist ein Preis, den die meisten gerne zahlen. Und wer die alte Szene vermisst, kann ja immer noch nach Berlin fahren. Dort ist es, vorerst, noch nicht vorbei.

RR

RainbowNews Redactie

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