Die Darkroom ist verschwunden, und mit ihr auch etwas anderes
Amsterdamer Schwulenbars schließen eine nach der anderen. Was verlieren wir, wenn die Szene in Apps und Gentrifizierung aufgelöst wird?
Auf der Reguliersdwarsstraat lehnt ein Mann Anfang sechzig an einer Hauswand. Er raucht und schaut auf die andere Straßenseite hinüber. Dort war früher die Havana. Jetzt sitzt dort ein Concept Store mit vierzig-Euro-Kerzen.
"Hier war freitags immer voll," sagt er zu niemandem besonders. "Jetzt laufe ich vorbei und erkenne nichts wieder."
Dies ist eine Szene, die sich überall in Europa abspielt. In Berlin, in London, in Paris. Die Schwulenbars schließen. Die Darkrooms sind weg. Die Cruising-Plätze im Park sind geräumt. Und fast niemand scheint es zu stören.
Ein stilles Auszehrn
Die Zahlen sind eindeutig. In London schlossen zwischen 2006 und 2022 mehr als die Hälfte aller Gay Venues. Amsterdam hatte in den neunziger Jahren etwa vierzig Schwulenbars. Heute sind es nur noch eine Handvoll. Berlin sieht seine legendären Clubs einer nach dem anderen unter dem Druck explodierender Immobilienpreise verschwinden.
Die Gründe sind bekannt. Gentrifizierung. Steigende Mieten. Apps wie Grindr, die die Notwendigkeit physischer Begegnungen ausgehöhlt haben. Und nicht zu vergessen: die größere gesellschaftliche Akzeptanz. Wer Händchen haltend über die Albert Cuyp flanieren kann, muss sich nicht mehr in einer versteckten Kneipe verstecken.
Fortschritt also. Und doch nagt etwas an einem.
Was eine Bar war
Eine Schwulenbar war nie nur eine Bar. Sie war eine Auffangstelle. Ein Heiratsbüro. Ein Familienersatz für jene, die von ihrer echten Familie verstoßen worden waren. Wer 1985 mit neunzehn Jahren aus einem Dorf in Drenthe nach Amsterdam kam, fand dort ein neues Leben. Nicht über eine App. Sondern durch einen wildfremden Menschen an der Bar, der sagte: Komm, du kannst bei mir auf dem Sofa schlafen.
Diese Funktion verschwindet. Die Frage ist, ob die App sie auffängt. Forschungen des britischen King's College zeigten, dass Einsamkeit unter homosexuellen Männern über fünfzig deutlich höher ist als unter Heterosexuellen desselben Alters. In den Niederlanden kommen die Zahlen des Centrums voor Maatschappelijke Vraagstukken in dieselbe Richtung.
Die Ironie ist bitter. Niemals zuvor waren wir so sichtbar. Und niemals zuvor waren so viele ältere schwule Männer so einsam.
Die jüngere Generation zuckt mit den Schultern
Ein Freund Ende zwanzig sagte neulich: "Ich verstehe diese Nostalgie nicht. Diese Bars waren doch vor allem verqualmt und teuer?"
Er hat einen Punkt. Nicht jeder Darkroom war ein sicherer Hafen. Es gab auch Rassismus. Body Shaming. Drogen, die Leben zerstörten. Die Gay Scene damals war kein Paradies. Wer das behauptet, lügt oder verdrängt selektiv.
Und doch. Mein Freund trifft seine Dates über Hinge. Er geht ins Fitnessstudio, kocht zu Hause, schaut Netflix mit seinem festen Partner. Er lebt, kurz gesagt, wie seine heterosexuellen Kollegen leben. Das ist genau das, wofür sich seine Eltern für ihn erhofften.
Die Frage ist nur: Was ist noch spezifisch an seinem Leben als schwuler Mann? Außer mit wem er ins Bett geht?
Assimilation hat ihren Preis
Der amerikanische Schriftsteller Andrew Sullivan, selbst konservativ und schwul, schrieb bereits in den neunziger Jahren darüber. Er sagte voraus, dass die Homo-Ehe und der Militärdienst die Schwulenbewegung effektiv beenden würden. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Gähnen.
Er behielt recht. Die Ehe kam. Die Akzeptanz folgte. Und die Subkultur löste sich langsam in der Mainstream-Kultur auf.
Für jemanden, der vor allem gleich sein wollte wie der Nachbar, ist das ein Gewinn. Für jemanden, der dachte, dass Homosexualität auch einen eigenen Blick auf die Welt bot, einen eigenen Humor, eine eigene Ästhetik, einen eigenen Widerstand gegen die bürgerliche Norm, fühlt es sich wie ein Verlust an.
Beide Gefühle sind legitim. Das Problem ist, dass über das zweite Gefühl kaum noch gesprochen wird. Wer es anspricht, wird schnell der Sentimentalität bezichtigt. Oder noch schlimmer: mangelnder Inklusivität.
Die Gegenstimme
Nicht alle trauern. Sasha Velour, Dragqueen und Kulturkritikerin, sagte in einem Interview: "Die Szene war nie für alle sicher. Frauen, People of Color, trans Menschen — die wurden oft ausgeschlossen. Dass die alten Strukturen verschwinden, schafft Platz für Neues."
Sie hat recht. Die Gay Scene der achtziger und neunziger Jahre war oft weiß, männlich und auf einen bestimmten Körpertyp ausgerichtet. Zu romantisieren ist gefährlich.
Aber die Alternative — alles in einen Algorithmus aufzulösen, der uns nach Fotos und Vorlieben zusammenbringt — fühlt sich auch nicht wie Befreiung an. Eher wie eine neue Form der Einsamkeit. Verpackt in Wahlfreiheit.
Was bleibt
Zurück zur Reguliersdwarsstraat. Der Mann an der Wand drückt seine Zigarette aus. Er geht weiter, zum Rembrandtplein. Er kennt hier noch zwei Plätze, in die er gehen kann. Freitagnacht. Er wird wahrscheinlich dieselben Gesichter sehen wie in der letzten Woche.
Vielleicht ist das das, was verschwindet: nicht die Bars selbst, sondern der Zufall. Der Fremde, der in dein Leben trat. Der Abend, der anders endete, als du geplant hattest. Die Gemeinschaft, die du dir nicht selbst nach Filtern zusammengestellt hast.
Die jüngere Generation braucht das vielleicht nicht. Oder sie stellt in zwanzig Jahren fest, dass sie es doch gewollt hätte. Das lässt sich jetzt noch nicht sagen.
Was sich aber sagen lässt: Eine Kultur, die ihre eigenen Unebenheiten aufräumt, wird mit der Zeit glatter, aber auch leerer. Das gilt für Städte. Das gilt für Gemeinschaften. Und das gilt, vermutlich, auch für uns.